Lübeck wurde angefahren…

Sonne – Regen – Sonne – Wolkenbruch – Niesel mit und ohne Sonne. Irgendwie gerade Aprilwetter hier.

(Ju) Den ganzen Tag trieb oder bremste uns der Wind auf der Strecke von Mölln nach Lübeck. Und wenn es viel Wind gibt, ändern sich natürlich auch die Wetterverhältnisse entsprechend schnell, sodass wir mit der situativen Anpassung der Kleidung schon recht viel Zeit verbracht haben. Auf offener Strecke den Wind mal von hintern eingefangen, beschleunigen selbst vollgepackte Lastenesel wie unsere ganz ordentlich. Der hoffentlich für die gesamte Strecke ausreichend geladene Akku nimmt dem Gegenwind ein wenig den Schrecken, während Seitenwind, wie er oftmals recht böig bei Lücken im Bewuchs neben der Strecke vorkommt, unsere gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt.

Wir versuchen, unsere Radstrecken nicht unbedingt nach festen schon bestehenden Radrouten zu fahren, sondern wir wählen oft Teilstrecken durch Wald und Feld. Nicht immer die beste Wahl bei Wind, läuft man doch erheblich Gefahr, mal abrupt bremsen zu müssen, weil Äste oder Bäume den Weg verlegen. Ein weiteres Problem ergibt sich durch alle Arten von weichem Untergrund, da nicht nur das Vorankommen beschwerlicher wird, dem wir gegebenenfalls durch Erhöhung der Akkuleistung entgegenwirken können, sondern weil ein so bepacktes Rad bei solchem Untergrund die Fahrdynamik eines Karussells besitzt, und gleichzeitig wie ein wilder Mustang versucht, dich aus dem Sattel zu katapultieren.

Trotz der Wetterkapriolen gibt es vieles am Rande der Strecke, was schon sehr beeindruckend ist. Landschaftsbilder wie man sie aus der Toskana kennt, weite sanfte Hügel wie in Mecklenburg, ein wenig Niederrhein, alles sieht man auf den einzelnen Strecken. Das war es was ich mir vorgestellt habe – einfach die Schönheiten genießen, ganz ohne sich in einen Flieger setzen zu müssen.

Ratzeburg war unser erster Anlaufpunkt des Tages. Dort haben wir Station gemacht und uns den Ort ein wenig angesehen. Vor der Weiterfahrt noch kurz ein Fischbrötchen verzehrt – nicht, dass ich noch schlechte Laune bekomme. Entlang des Ratzeburger Sees, übergehend in lange Wald- und Feldpassagen, fuhren wir direkt bis nach Lübeck. Ich hatte meine neue Brille dort zur Filiale einer nicht weiter zu benennenden Optikerkette schicken lassen, da sie entgegen aller Versprechungen vor unserem Starttermin nicht mehr fertig geworden war. Daher führte uns der Weg schnurstracks in die Einkaufszone. Die neue Brille im Gepäck ging es noch zum Outdoor-Laden. Zwei kleine und leichte Stühle sollten es sein, die uns auf den Zeltplätzen das Sitzen (und für mich auch das Aufstehen) etwas komfortabler machen sollen. Was uns gefiel und zusagte, war preislich gesehen aber in Bereichen, die noch einige Nächte der reiflichen Überlegung nach sich ziehen werden. Ging ja bisher auch ohne…

Highlight des Abends – der Zeltplatz in Lübeck läuft im ‚Normalbetrieb‘, nimmt aber in diesem Jahr keine Zelte auf. Wie doof ist das denn bitte!?!? Diese dusseligen Wohnmobile können doch überall, wir armen geschundenen Radfahrer sind doch viel bedürftiger was Service anbelangt. Für mich war es keine Option noch fünfzehn Kilometer zum nächsten Zeltplatz zu fahren, um die Strecke am nächsten Morgen wieder zurück zu fahren, da wir ja Lübeck bisher gar nicht wirklich gesehen hatten. Die Lösung war eine weitere Nacht in einem Hotel. Diesmal suchten wir beide, und wir haben uns für das Hotel Niu Rig entschieden. Preislich gesehen im günstigsten Bereich, aber wie wir später feststellten, echt ein super Treffer – modern, sauber, ruhig.

Leider war das ‚einfache‘ Zimmer, was eigentlich von uns online über das Netz gebucht wurde aus irgendwelchen Gründen nicht vermietbar, daher mussten wir (zum selben Preis) das größere Zimmer nehmen. Wir kamen uns vor wie Hans im Glück. Zum Gepäcktransport konnte ich jetzt auch mal einen der typischen Wägelchen nutzen, womit in den vornehmen Hütten (die mit den vielen Sternen) der Page das Gepäck schon mal aufs Zimmer fährt. Auch wenn ich selbst der Page war, ich fand’s toll – alles in einem Rutsch auf dem Zimmer, kein ewiges Gerenne. Praktisch auch, wir haben die Gelegenheit direkt genutzt und abends noch einen Waschtag eingeläutet. Schlau muss man sein…

Faul vom Tagwerk lagen wir dann gemütlich vor der Glotze – Kinoabend sozusagen. Was fehlte waren Cola & Popcorn. Vielleicht hat die nette Frau an der Rezeption ja wenigstens ein paar Erdnüsse zu bieten. Fragen kostet nichts… Die Antwort kam prompt, wie aus der Pistole geschossen: ,Nein‘! Das wohl nachfolgende ‚aber‘ habe ich schon gar nicht mehr gehört, da die Gute noch weiter redend im Hinterzimmer verschwand. Nur Sekunden später hielt sie mir eine Kiste unter die Nase. Nehmen sie was, ruhig auch zwei oder drei Sachen, ist Promotion-Kram und nachmittags erst reingekommen. Ich hätte sie knutschen können, besann mich aber meiner Erziehung und beließ es bei einem ehrlich gemeinten ‚Danke vielmals!’. Die Auswahl zwischen Chips, Zwiebelringen und zig Sorten Süßkram war leicht. Zweifach Chips und ein Leckerli in süß und schnell wieder ab aufs Bett. Muss ich noch was sagen?!?!

Am nächsten Morgen sind wir dann nochmals in die City gefahren. Es wurde ein recht sonniger Tag in Lübeck. Ein wenig kreuz und quer durch den äußeren Bereich der Altstadt, was teils recht mühsam und auch etwas nervig durch das Kopfsteinpflaster war, welches uns und die Räder ziemlich durchgeschüttelt hat. Wir suchten ein ‚nettes‘ Café für unser Frühstück und wurden auch fündig. Irgendwie war es dann schon fast Mittagszeit, als wir damit fertig waren. Wir stellten die Räder am Ratskeller ab und wollten in die Marienkirche. Offen war sie, aber man muss Eintritt zahlen (2€ pro Erw.) um sich alles ansehen zu können. Wir haben es gemacht und der Einsatz hat sich gelohnt, denn kaum 5 Minuten später begann eine vom derzeitigen Pastor Pfeifer geleitete Führung, die äußerst interessant war. Man merkte richtig wie er dafür brannte, sein vielfältiges Wissen über die Kirche, die Verbindungen zur Bibelgeschichte und zu den Besonderheiten der Lübecker Bevölkerung über die Jahrhunderte hinweg an uns weiterzugeben. Fast eineinhalb Stunden dauerte die Führung und keine Minute davon war verschwendete Zeit.

Ohne Lübecker Marzipan wollten wir die Stadt anschließend nicht verlassen und besuchten natürlich auch den Tempel der süßen Sünde, ließen uns Marzipantee, Kaffee und eine überdimensionale Marzipankartoffel schmecken und mit einem Täfelchen Marzipan-Schokolade ‚für unterwegs‘ in der Lenkertasche verließen wir den Laden und suchten noch eine Fahrradwerkstadt auf. Ein neuer Spritzschutz für die hinteren Bleche wurde montiert, da ohne diesen Schutz der gesamte Bereich des Gepäckträgers immer völlig verdreckt war. Noch ein paar Schräubchen, Unterlegscheiben, Muttern und Befestigungsbänder eingepackt (ich hatte mein extra mit Bedacht gepacktes Notfallpack zuhause vergessen) und dann ging es in Richtung Scharbeutz, wo wir unser Zelt für die Nacht aufschlagen wollten. Es taten sich mal wieder die Schleusen auf und das ging quasi bis zum Timmendorfer Strand so weiter. Jetzt sind wir in Scharbeutz auf einem netten Campingplatz und freuen uns auf die 75 km in Richtung Fehmarn. Die Wettervorhersage ist gar nicht schlecht – bisher… 😉

Veröffentlicht von radreiseanjajoerg

Wir sind ein nicht ganz ‚normales‘ Paar, welches aber doch viele Gemeinsamkeiten hat und eine Beziehung nicht als Selbstläufer bzw. Selbstverständlichkeit sieht.

2 Kommentare zu „Lübeck wurde angefahren…

  1. Ihr Lieben,
    schaue schon immer ganz hektisch in mein Mailkonto, ob’s von Euch was Neues gibt :-))) Macht ja sooooo viel Spaß, das Lesen !! Toll, daß Ihr zum Schreiben so viel Zeit findet !
    Mist, Ihr seid ganz schön in den Norden abgedriftet – Ich bin Mittwoch in Bremen… Das wäre cool gewesen, „das was Männer lieben“ eben zusammen einzunehmen ;-). Aber egal, ich denke kräftig an Euch und drücke mal die Daumen, daß das Wetter sich mal längerfristig von der Sonnenseite zeigt !!
    Liebe Grüße aus der Heimat von Dany

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  2. Hallo Ihr Beiden,
    Ja da sind sie wieder, die Erinnerungen. Ilmenau Radweg und Lüneburg. Vor einigen Jahren sind wir von Uelzen über Hamburg nach Berlin gefahren.
    Eure Texte zaubern die richtigen Bilder in den Kopf. Da kommt Freude auf. Habt viel Spass auf Eurer Tour. Ich freue mich wieder von Euch zu lesen. Liebe Grüße Iris und Thomas

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