Wie versprochen versuche ich mal was zum Thema Sattel, Sattelstütze und dem was so drumherum Einfluss auf den Sitzkomfort haben kann zu schreiben.
Unsere Räder waren von Anfang an mit einer Teleskop- bzw. Federsattelstütze ausgerüstet, bei der entgegen der früher traditionell verwendeten starren ‚Sattelkerze‘, die Stöße über eine innenliegende Feder abgefangen und die Übertragung auf den Rücken somit wenigstens leidlich abgefangen wird. Leider hatte ich trotzdem bei unseren Touren immer mehr oder weniger Probleme mit dem Rücken, obwohl die anderen wichtigen Parameter wie z.B. die Einstellung der richtigen Sattelhöhe, der Abstand vom Sattel zum Lenker und somit der Neigungswinkel der Wirbelsäule während der Fahrt etc. berücksichtigt waren. Da man ja in solchen Fällen viel nachhört wie es anderen ergeht und was sie ggf. dagegen gefunden haben, es zudem die weite Welt des Internet gibt, musste man zwangsläufig auf zwei Dinge treffen – eine Parallelogramm-Sattelstütze und den eigentlich schon vom Prinzip her uralten Ledersattel, entweder mit oder ohne zusätzliche Federung.
Im ersten Jahr war es die Parallel-Sattelstütze, die ich mir gegönnt habe, besser gesagt meinem Rücken. Und siehe da, es war viel besser als vorher. Auch diese Sattelstütze wird gedämpft über eine Feder, aber diese fängt die Unebenheiten nicht nur durch eine auf und ab Bewegung ab, sondern schwingt zusätzlich nach hinten weg, was eher eine gleitende Dämpfungsbewegung ergibt. Seit ich dieses Teil am Rad habe, ist das mit den Rückenschmerzen nicht gänzlich weg, aber immerhin wesentlich seltener geworden. Und wenn, dann schiebe ich sie gerne auf die für Männer meines Alters eher ungewöhnliche sehr bodennahe Übernachtungsweise im Zelt zu. Mit 62 Jahren ist man halt kein junger Hüpfer mehr. 🫣


Andererseits bin ich ja auch jemand, der gerne alle Möglichkeiten in Erwägung zieht und sich auch gerne zu Dingen hinreißen lässt, folglich…
Ein Ledersattel der Firma Brooks war schon länger Teil dieser weitern Erwägungen und des Begehrens und so war der Kauf quasi unumgänglich. 😏
Aus der zur Verfügung stehenden Auswahl entschied ich mich für das etwas breitere Modell B67, welches noch eine eigene Federung besitzt. Erstens finde ich ihn optisch gesehen einfach schön und dann waren die Erfahrungen von denen, die so ein Teil am Rad hatten und die ich darauf angesprochen habe so positiv, dass man bzw. ich das nicht einfach ignorieren konnte. So ‚federe’ ich sozusagen ‚doppelt gemoppelt‘ durch die Sattelstütze und den Sattel meines Weges.
Einer der von mir befragten erzählte vom dritten Rad, aber immer noch dem ersten Brooks-Sattel, den er auf keinen Fall abgeben würde und der wohl auch das nächste Fahrrad noch zieren würde. Davon musste ich direkt mal ein Bild machen.

Aber so ein Teil hat auch Nachteile. Da es sich um das Naturmaterial Leder handelt muss ein solcher Sattel ‚eingefahren‘ werden. Wer mal echte, langlebige Lederschuhe gekauft hat, der kennt das Problem. Auch die sitzen nicht auf Anhieb wie ein Pantoffel, da das Leder erst weicher und geschmeidiger werden muss. Aber je öfter und länger man sie trägt, desto bequemer werden sie. Auch die Witterungsverhältnisse hinterlassen ähnliche Spuren am Sattel wie bei schlecht gepflegten Lederschuhen. Wird er nass und trocknet zu schnell, wir das Leder schnell rissig, zu viel Lederfett, was natürlich gut gegen eindringende Nässe schützt, macht das Leder weich und es dehnt sich übermäßig, sodass der Sattel schnell seine Spannkraft verliert.
Wie auch immer – ich habe meinen Sattel jetzt über 1500 Kilometer gefahren und mein Hinterteil, mit dem ich vorher zusätzlich zum Rücken nach dreißig bis vierzig Kilometern Probleme bekam und nur noch hin und her gerutscht bin, meckert selbst bei Strecken über 60 Kilometer am Stück nicht (mehr). Auch eine Pause nach 40 oder 50 Kilometern führt beim Aufsteigen danach nicht mehr zu unliebsamen Schmerzen. Im Laufe der Zeit haben sich Sitzknochen und Sitzfläche einander angeglichen oder wenigstens angenähert. 😏
Allerdings waren die Angaben aus dem Internet über eine Einfahrphase von dreihundert bis vierhundert Kilometern absolut unrealistisch. Es braucht also schon eine ganze Weile, bevor man einen Brooks als ‚mein Sattel‘ bezeichnen kann.
Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass zwei verschiedene Materialien wie Leder als Sitzfläche und Metall als Sattelgerüst sich auch aneinander reiben, was zu knarzenden und quietschenden Geräuschen führen kann. Das kann schon sehr nervig sein und man ist versucht mit Fett oder irgendwelchen Ölen dagegen zu arbeiten, was aber auch wieder, wie bereits erwähnt, zu übermäßiger Dehnung führt. Der Sattel verfügt über eine Spannschraube, mit der man diese Dehnung beseitigen kann, allerdings kann man das auch nicht unendlich tun, denn irgendwann ist das Ende des Schraubgewindes erreicht und somit quasi auch das nahende Ende des Sattels. Manchmal soll ‚aushalten‘ helfen. In der Phase bin ich gerade angelangt, aber es fällt zugegebenermaßen extrem schwer. Jedes Nebengeräusch an meinem oder Anjas Rad wird von mir normalerweise möglichst umgehend eliminiert. In den Packtaschen wird (z.B. bei unserem gesamten Kücheninventar) jedes mögliche Klappern durch Filzeinleger oder Tücher schon im Vorfeld abgefangen. Aber ich versuche es trotzdem weiter – einfach aussitzen sozusagen. 😬
Als Fazit würde ich behaupten, die zusätzlichen Ausgaben haben sich (für mich) rentiert, haben mir die Zeit auf dem Rad wirklich erleichtert, denn ein unwohles Körpergefühl jeglicher Art kann einem den Spaß am Radeln schnell verleiden.

Allerdings möchte ich auch nicht andere, sicherlich günstigere Lösungen abtun. Auch mit einem Lidl-Sattel für unter 10 Euro, wie er vor nicht allzu langer Zeit (sogar von einem deutschen Traditionsunternemen gefertigt) angeboten wurde, mag der eine oder andere auch viele Kilometer ohne Schmerz und Tadel bequem fahren können. Zudem gibt es bestimmt Radler, die diese (meine) Meinung für totalen Humbug halten, völlig überflüssig und fern jeder wissenschaftlich belegbaren Erkenntnisse. So wie bei vielen ‚richtiges’ radeln erst bei 150 Tageskilometern anfängt und natürlich ohne Motor stattfindet. Bei denen unsere Tagesetappen von möglichst maximal 70 Kilometern vielleicht auch eher zur Warmfahrphase nach dem Frühstück gehören – jeder so wie er möchte, jedem seine eigene Philosophie, alles hat irgendwie seine Berechtigung.
So, jetzt weiterhin für alle entspanntes strampeln, egal wie gefedert, mit oder ohne Motor. Wir sehen uns, denn der Weg ist das Ziel. 🙋🏼♂️
Ich habe sei JJahren einen Brooks-Sattel und würde nie einen anderen wollen. Das Einfahren ging eigentlich recht schnell.Der Besitzer des Radgeschäfts hat erzählt, dass er ja von Berufs wegen alle möglichn Sattelneuheiten ausprobieren muss, immer aber seinen eigenen Ledersattel dabei hat, um auf ihn zu wechseln und sich zu erholen.Und was das Knarzen angehrt: kannst du dich nicht mental umpolen und das Geräusch vielleicht altmodisch-gemütlich finden? Versuch’s mal. Weiterhin schöne Tage. Ich vefolge eure Strampeltour mit großer Feude.
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Ich habe meinen alten Sattel jetzt auch 1600 Kilometer mit mir rumgefahren – anfangs einfach ‚sicherheitshalber‘, nachher weil ich ihn nicht wegwerfen wollte.
Für ‚altmodisch gemütlich‘ sind meine Ohren anscheinend noch zu empfindlich. Wenn wir wieder im Elten angekommen sind und noch eine Woche bei Anne zuhause das Haus und die Tiere hüten, werde ich wohl mal Hand an die Spannschraube legen. 🫣
Schön, wenn du uns so folgst und ein wenig von dem mitbekommst, was wir so ‚erleben‘. Manchmal finde ich das Erlebte wie ein Teil der Geschichten, die ich früher von den Reisen meiner Eltern erzählt bekommen habe – unterwegs mit Rad und Zelt.
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