(Ju) Einerseits sind wir gefühlt schon eine Ewigkeit unterwegs, andererseits gibt es immer wieder neue Eindrücke und wir stehen vor Situationen, die wir bisher nicht erlebt haben, was uns das Gefühl gibt immer noch am Anfang der Tour zu stehen. Noch heute Morgen haben wir breit grinsend auf dem Rad gesessen, als wir mitten durch den Steigerwald fuhren und uns immer noch an den schönen Blumen und Pflanzen, an dem ein oder anderen über und über mit Früchten beladenen Obstbaum und dem sich wieder deutlich ändernden Landschaftsbild erfreuen konnten.
Und dann wird einem wieder bewusst wie privilegiert wir sind, dies alles erleben zu dürfen und mit wieviel Dankbarkeit verbunden diese Zeit bisher genossen werden konnte. Ich denke an meine Eltern, die ebenso wie Anjas Papa immer mal wieder von ihren Reisen mit dem Rad früher erzählt haben ‚als es noch nichts gab‘, wo man nicht wie wir zwischendurch mit dem Zug gefahren ist, sondern wo es noch üblich war per Anhalter auf Lastwagen mitgenommen zu werden – heute gar nicht mehr vorstellbar, zumindest nicht in unseren Breitengraden. Ich denke aber auch an meine Schwester, die so früh verstorben ist und die sicher ihre Freude daran gehabt hätte so etwas auch zu erleben. Und weil ich ja bekennender Warmduscher und ein Weichei bin, kommen mir auch schon mal die Tränen hoch – aber eher in positivem Sinne – Erinnerungen und Freude, das alles verbinden zu können.
Genug der Sentimentalitäten… Wir radelten bei strahlend blauem Himmel und Temperaturen von 25°C quer durch den Steigerwald dem Main entgegen. Weinreben bestimmten auf einmal wieder die Landschaft und zwischendurch Maisfelder und große Felder mit mittlerweile völlig eingetrockneten Sonnenblumen. Ringsum sahen wir immer wieder große Erntemaschinen, die in kürzester Zeit aus einem Maisfeld einen kahlen Acker machen und unzählige Trecker mit Anhängern, die die gesamten gehäckselten Pflanzen zu riesigen Mieten aufschütten woraus im Winter, mittlerweile vergoren und als Silage bezeichnet, das Viehfutter entnommen wird. Zu Beginn unserer Tour waren die Maispflanzen oft noch relativ klein, jetzt sehen wir zu wie geerntet wird. Ebenso ist es beim Wein, denn wo vor zweieinhalb Monaten nur die Ansätze der Trauben oder die noch relativ kleinen Beeren an den Weinstöcken sichtbar waren, hängen heute deutlich sichtbar rote oder grüne Trauben, teilweise erntereif, teilweise doch noch recht sauer. Aber es werden immer mehr Weinberge, in denen man das geschäftige Treiben der Ernte sieht. Und auf fast jedem Wochenmarkt gibt es schon den ersten Federweißen und Zwiebelkuchen – bekanntlich beides durchaus ‚durchschlagend‘ was die Darmtätigkeit anbelangt. Da hast du nicht nur beim Essen und Trinken was von 😏. Vorsichtshalber haben wir bisher Abstand genommen von dieser Versuchung – man muss ja nichts herausfordern.
An dem Tag ging es nur noch ein kurzes Stück direkt am Main entlang bis zu unserem gebuchten Hotel in Eisenheim, einem kleinen Örtchen direkt am Ufer gelegen. Geschichtlich ist als Wichtigstes anzusehen, dass von hier aus wohl der erste eigentlich aus Österreich stammende Silvaner nach Castell gebracht wurde, hier also die Herkunft der ‚deutschen’ Traube angesiedelt werden muss. Und sonst …? Na ja – ein weiterer Ort von vielen… 😏.
Das familiengeführte Hotel war gleichzeitig eines der örtlichen Wirtshäuser, den ganzen Abend gut besucht und anscheinend sehr beliebt bei den Einheimischen. Das ist ja immer ein gutes Zeichen, denn wenn es dort nicht passt – wo dann. Das Zimmer sauber und ordentlich, jeder Schritt wurde vom Holzfußboden mit knarzenden Geräuschen begleitet. Uns hat es nicht gestört, denn nach einem hervorragenden Essen, leckerem Wein und einem Schnäpschen als ‚Absacker‘ hatten wir die nötige Bettschwere erreicht und schliefen mit Vorfreude auf den nächsten Tag ein.
Am nächsten Morgen ging es einfach immer weiter den Mainradweg entlang durch kleine Dörfer und die wunderschönen Mainauen. Wie so oft haben wir viele andere Radfahrer getroffen, es ist eine beliebte Art Urlaub zu machen – seit Corona ganz besonders. Und wieder war es so, dass man schnell ins Gespräch kam und viele Tipps für Orte oder Sehenswürdigkeiten bekommen hat, die man aus den verschiedensten Gründen unbedingt anfahren ‚muss’, was wir ja oftmals dann in unsere Routen spontan eingeplant haben, wenn sie nicht sowieso schon enthalten waren.
Wir erreichten die Mainschleife und genossen den Blick auf den Main von der Vogelsburg aus, wo eine Gaststätte zum Verweilen einlud. Weit ging der Blick über das Land und man konnte genau sehen, wie sich das Flussbett seinen verschlungenen Weg gesucht hatte. Wir gönnten uns einen Saft bzw. Cappuccino und dann ging es erstmal runter ins Tal bis nach Volkach, wo wir allerdings nur einen kurzen Abstecher durch die Altstadt machten und erst ein paar Kilometer später in Nordheim eine Möglichkeit zur Stärkung in einem ruhigen kleinen Gasthof suchten. Matjes mit Kartoffeln und Dipp – hört sich nicht traditionell Fränkisch an, war aber (vielleicht gerade deshalb) mal wieder extrem lecker. Zudem habe ich über die Zeit mal wieder Gefallen daran gefunden, eines der meist leckeren Biere der Region zu trinken. Eigentlich trinke ich nie Bier – außer im Urlaub. 🙄
Abends waren wir, wie die ganze letzte Zeit, mal wieder in einem größeren Hotel untergekommen und hatten eine ruhige und entspannte Zeit. Aber der nächste Morgen begegnete uns mit Regenwetter. Sollte so denn wirklich unser letzter ‚richtiger‘ Fahrradtag aussehen?! Wir hatten in den letzten Tagen beschlossen für dieses Jahr das Ende der Fahrradtour einzuleiten. Wir hatten uns entschlossen am Freitag von Würzburg mit Nahverkehrszügen nach Duisburg zu fahren, da wir noch meine Kinder und eine Freundin meiner Mutter treffen wollten, bevor Anja dann irgendwann hoffentlich einen durchgehenden Zug nach Berlin buchen kann, in dem sie auch das Rad mitnehmen kann. Somit machte der Regen am Morgen den Anschein, als würde es so enden wie es begonnen hatte – Regenjacke und Regenhose inklusive.
Aber da die Strecke nach Würzburg nur überschauliche 35 Kilometer betrug, haben wir die anderen Radler erstmal ziehen lassen, die morgens in aller Herrgottsfrühe schon weitermüssen, damit sie ihr nächstes Ziel erreichen. Im Regen aufpacken und in Regenklamotten los (als wir gerade zum Frühstück gingen!) – nicht für uns. Zumal, die WetterApp sagte gar nichts von Regen…
Wir haben erstmal in Ruhe gefrühstückt, und danach unser mittlerweile eingespieltes ‚Nachfrühstücksprogramm‘ gestartet und siehe da, es hörte just in dem Moment auf zu regnen, als wir eh unser Zimmer räumen mussten.
So lässt es sich doch entspannt wieder aufpacken und losfahren. Sonne muss ja nicht unbedingt sein.
Wir genossen nochmal die Kilometer auf dem Rad, bemerkten wie schön es sein kann ‚wortlos‘ hinter- bzw. nebeneinander fahren zu können auch ohne musikalische Untermalung dabei. Uns sind viele Pärchen begegnet, die anscheinend während der Fahrt ihre Bluetooth-Lautsprecher testen mussten, eines sogar war ausgestattet mit einer Gegensprechanlage, wie man es gelegentlich bei Motorradfahrern sieht. Muss man sowas haben – auf dem Fahrrad?!
Gemeinsam miteinander schweigen können und sich dabei nicht unwohl fühlen – auch eine Erkenntnis, die wir BEIDE durchaus als positiv erachten. 😊
Wir versorgten uns zwischendurch mit Vitaminen von verschiedenen ‚Probierbäumen‘, eine Errungenschaft der Würzburger Verwaltung, die wir bisher sonst nirgendwo gefunden hatten. So konnte man wenigstens für die Äpfel, Birnen und Pflaumen nicht der Beschaffungskriminalität angeklagt werden, aber es nahm natürlich auch die Spannung des ‚erwischt werden’s‘. Nun waren also auch endlich die Birnen und Äpfel reif, die uns bereits seit mehreren Wochen in tollen Farben anstrahlten – jedoch bisher jeder Probierversuch nur einen ‚säuerlichen‘ Gesichtsausdruck hervorrief. Jetzt hingegen waren sie sehr schmackhaft und es war nur die Kunst noch ein Objekt der Begierde zu erreichen, da die unteren Bereiche bereits ‚abprobiert‘ waren.
Dann waren die letzten Kilometer gefahren, Würzburg war erreicht. Wie schon auf unserer Reise im Vorjahr hatten wir dasselbe Hotel gebucht. Ein letztes Mal die Räder unterstellen, das Gepäck im Hotel abstellen – ab morgen wird alles wieder irgendwie anders.




Der Silvaner und seine Herkunft 


süße Trauben.. 
Auf dem Vogelsberg… 
Mainschleife von der Vogelsburg aus gesehen… 
Ein Seitenarm des Main 
Probierbäume 


Und an alle, die diesen Blog verfolgen: macht Euch schon mal Gedanken darüber, wie ihr demnächst die Zeiten sinnvoll nutzt, die ihr bisher zum Lesen unserer Zeilen eingesetzt habt. Wir müssen uns ja schließlich auch einfallen lassen, was man abends im Bett liegend anderes machen kann als Euch zu unterhalten. 😇
Vielen Dank, dass ihr uns an eurer spannenden, erlebnisreichen Tour über die 2,5 Monate habt teilnehmen lassen. Auch für uns war es interessant, da auch wir schon manche der Gegenden selbst besucht haben. Wir gratulieren,
dass ihr die Reise gesund und munter überstanden habt.
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