Augsburg ohne Urmel, Jim Knopf & Co

(AR) Am Samstagmorgen war es wie angekündigt bewölkt, aber trocken und es hatte nicht so viel Morgentau wie am Vortag, so dass wir den Gugelhupf ohne großen Aufwand einpacken konnten. Das hatten wir allerdings doch lieber vor dem Duschen und Frühstückten erledigt, da die Wetterprognose Regen angesagt hatte, aber vielleicht würde es ja knapp an uns vorbeiziehen?! Aber nein, als wir in den letzten Zügen beim Frühstück mit frischen Brötchen noch gemütlich am geliehenen Tisch von den Nachbarn saßen, fing es dann doch an zu tröpfeln… Okay, dann mal schnell die letzten Dinge einpacken und die Räder aufsatteln. Was soll ich sagen, nach kurzer Zeit gingen die Schleusen komplett auf und es gab einen regelrechten Wolkenbruch. Die Sachen hatten wir soweit verstaut und waren auch direkt in unsere Regenutensilien geschlüpft, aber bei dieser Regenintensität machte es keinen Sinn loszufahren. Wir stellten uns anfangs im Wald am Zeltplatz unter, wo die Bäume noch ganz gut den Regen abhielten. Binnen kurzer Zeit war der ausgefahrene Schotterweg, der den Zeltplatz entlang führte fast wie ein kleiner Bachlauf, denn so viel Wasser auf einmal konnte nirgendwo versickern. Oh man, Regen ist ja schön und gut, aber musste es gleich so viel sein?!? Nach ca. 20 Min war auch unser Plätzchen im Wald völlig durchnässt und wir suchten für uns und die Räder Schutz an der Rezeption des Platzes, wo auch der Sanitärbereich und das Restaurant waren. Wir studierten minütlich die Wetterprognosen in den verschiedenen Apps und das Regenradar… Das sah nicht gut aus und sollte sich scheinbar wirklich auch den ganzen Tag hier in der Region so hinziehen. ‚Nina‘ die deutschlandweite Warn-App meldete auch noch Starkregen sowie Gewitter – eigentlich wollten wir solche Tage gemütlich in irgendeinem Hotelbett beim Fernsehen verbringen… Also was tun? Das Beamen wie beim Raumschiff Enterprise hat sich ja leider doch noch nicht so richtig etabliert. Nennt uns Weicheier, aber wir entschieden, die geplante Tagesetappe von rund 40 km nach Augsburg mit dem Zug von Günzburg aus zurückzulegen. Nach Günzburg waren es nur 10 km und der Zug fuhr jede Stunde. Sobald der Regen etwas nachließ machten wir uns auf den Weg. Vorher hatten wir noch die Möglichkeit meinem, am Tag zuvor geflickten, Vorderradreifen mit einem Kompressor vom Campingplatz den richtigen Druck zu verpassen, was mit der kleinen Handpumpe die wir dabei haben, nur bis zu einem gewissen Grad möglich ist. Dann ging es los zum Bahnhof. Der Weg führte uns unter anderem wieder am Fahrradladen von vor zwei Tagen vorbei, so dass wir gleich auch noch die für mein Rad passenden Bremsbeläge kauften. Am Bahnhof angekommen noch eben die Karten kaufen… Aber wie bekommt man Tickets fürs Rad aus diesem Kasten?!? Über die Bahn-App ging es gar nicht und am Automaten suchten wir uns dumm und dusselig. Und die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges wurde immer knapper und wir waren noch nicht auf dem richtigen Bahnsteig! So, egal jetzt, dann müssten wir im Zug fragen, was die Fahrt für die Räder kostet und entsprechend bezahlen – in der Hoffnung, dass uns kein Versäumniszuschlag berechnet wird. Schnell zum Aufzug (zum Glück zumindest so groß, dass 1 Rad einschließlich Gepäck hineinpasste) runter, rüber, rauf und ab in den bereits bereitstehenden Zug. Geschafft – und wir waren nicht die einzigen Radler, die sich entschieden hatten, heute die Bahn zu nutzen. Die Fahrradtickets könnten wir dann übrigens ohne Aufschlag bei der netten DB-Zugbegleiterin erwerben.

Auch in Augsburg angekommen regnete es wie fast durchgehend die gesamte Bahnstrecke. Für die Nächte in Augsburg hatten wir uns bereits am Tag zuvor für ein zentrales, günstiges, aber sehr modernes Hotel mit einem vernünftig großen Zimmer entschieden. Als es gegen 17:30 Uhr aufhörte zu regnen und sich auch die Sonne nochmal etwas zeigte, machten wir uns zu einem ersten Stadtbummel auf, den wir uns mit einem leckeren Cocktail-ToGo versüßten. Inzwischen hatte ich gelesen, dass die Augsburger Puppenkiste aufgrund der geltenden Coronabestimmungen leider den Betrieb noch nicht wieder aufgenommen hat – weder die Bühne noch das Museum. Von daher müssen die lieben Begleiter aus Kindertagen auf einen persönlichen Besuch durch uns verzichten… Aber vielleicht ist das ja auch ein Grund, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wiederzukommen.

Am nächsten Vormittag setzten wir unseren Stadtbummel fort. Der Weg führte uns entlang der Stadtmauer mit ihren verschiedenen Toren u.a. durch das Jakobertor in Richtung Fuggerei. Die Fuggerei ist die älteste, noch heute bewohnte Sozialbausiedlung der Welt aus dem Jahr 1521. Als wir dort ankamen, sollte 10 Min später eine Führung starten, was wir gerne nutzten. Die Frau, die die Führung machte, arbeitet bei der Fuggerstiftung, die u.a. für dieses Wohnprojekt zuständig ist. Sie wusste sehr viel Interessantes kurzweilig zu erzählen und brachte uns die Personen wie Jakob Fugger den Reichen und seinen Neffen Anton, aber auch die grobe Familiengeschichte dazu näher. Man kann in der Siedlung, die 64 Wohnungen umfasst, auch in drei Wohnungen hinein, die als Museum sehr anschaulich umgebaut sind. Man muss schon sagen, dass das bis heute ein sehr soziales und vermutlich einzigartiges Wohnprojekt ist. Natürlich muss man bestimmte Voraussetzungen (man muss Bürger der Stadt Augsburg, bedürftig und katholisch sein) erfüllen, um von der Stiftung ausgewählt zu werden. Seit damals bis heute muss wohl umgerechnet der gleiche Betrag für die Kaltmiete aufgebracht werden. Damals war 1 Gulden (was heute umgerechnet 88 Cent sein sollen) für die Kaltmiete im Jahr aufzubringen sowie zusätzlich monatlich die Nebenkosten, wobei die Heizkosten insbesondere heute wohl den Hauptteil ausmachen. Alles andere wird von Stiftungsgeldern getragen – wozu natürlich auch unsere Eintritts- und Führungsgeld beitragen. Aber gerade solch ein Projekt unterstütze ich wirklich gern! Neben den Museumswohnungen ist auch noch ein Luftschutzbunker zu besichtigen. Alles ist wirklich sehr anschaulich dargestellt und man kann sich annähernd in die Zeit versetzten. Ich konnte in der Schule dem Geschichtsunterricht nur bedingt etwas abgewinnen… es waren immer nur irgendwelche Jahreszahlen, die aber so wenig mit konkreten Personen, Schicksalen und Erlebnissen verbunden wurden… und dann kam noch die nicht wirklich fesselnde Vortragsweise meiner Lehrer hinzu. Ich weiß noch, dass wir im Geschichtsunterricht auf dem Kant-Gymnasium bei Herrn Blaschke immer mehr damit beschäftigt waren seine ‚Ähms‘ zu zählen als auf den Inhalt zu achten. Ich bedauere es manchmal schon, dass es damals keiner geschafft hat, mein wirkliches Interesse für Geschichte zu wecken.

Die Führung ging etwas mehr als eine Stunde und zur Mittagszeit war die Siedlung gut besucht, auch wenn an der Führung selbst nur eine überschaubare Personenanzahl teilgenommen hatte. Die Eintrittskarten waren den ganzen Tag gültig – somit konnten wir dann erstmal weiter die Stadt erkunden, um am Abend noch einmal wieder zu kommen, wenn es hoffentlich in den Museumswohnungen etwas leerer war. Somit bummelten wir zur und durch die Altstadt, zum Rathausplatz mit Rathaus und Perlachturm, zum Dom, durch das untere Lechviertel, wo der Lech über drei verschiedene Kanäle durch die Gassen fließt und und und… Augsburg ist sehr vom Wasser geprägt mit den verschiedenen Wasserkanälen in und um die Altstadt herum sowie den verschiedenen Brunnen, wie z.B. dem Herkules-Brunnen. Das Wassermangementsystem der Stadt Augsburg gehört übrigens seit 2019 zum UNESCO-Welterbe. Leider sind aufgrund der Corona-Situation hierzu nur eingeschränkt Infos vor Ort zu erhalten gewesen, aber man kann einiges nachlesen. Vermutlich hätten wir noch einen Tag länger in Augsburg verbracht, wenn die Puppenkiste und auch das „Erlebnismuseum der Fugger und Welser“ am Montag offen gehabt hätten; und auch die Römer, die in dieser Stadt ebenfalls eine wichtige Rolle gespielt haben, sind bisher noch zu kurz gekommen. Somit gibt es genügend Gründe dieser interessanten Stadt zu einem späteren Zeitpunkt nochmals einen Besuch abzustatten. Uns hat Augsburg zumindest sehr gut gefallen, so dass wir auch für diese Stadt durchaus einen Besuch empfehlen können!

Veröffentlicht von radreiseanjajoerg

Wir sind ein nicht ganz ‚normales‘ Paar, welches aber doch viele Gemeinsamkeiten hat und eine Beziehung nicht als Selbstläufer bzw. Selbstverständlichkeit sieht.

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