(Ju) Auf unserem Seecampingplatz in Kahl haben sich die Gänse an die am Vorabend via Lautsprecher ausgerufene Nachtruhe bis 6 Uhr gehalten und dann lautstark skandierend eine Platzrunde gedreht. Heute waren es die Kirchenglocken, die um diese Zeit die Gemeinde zum frühmorgendlichen, aus meiner Sicht eher nächtlichen Gottesdienst riefen. Ah, wir sind unverkennbar in Bayern gelandet, dachte ich so bei mir (was allerdings nicht stimmt, da wir uns in Baden-Württenberg befinden, allerdings direkt an der bayrischen Grenze), überlegte noch kurz ob ich dem Ruf folgen sollte, war aber dann während der Überlegungsphase wohl schon wieder eingeschlafen.
Radeln bei 34 Grad Lufttemperatur und sengender Sonne kostet Energie, aber ehrlich gesagt waren wir froh, wenn wir auf den Rädern sitzen konnten und unser eigener Fahrtwind uns Kühlung verschaffte. Der Helm schützt mein ‚hohes Knie’ auf dem Hinterkopf vor Sonnenbrand und ab und an scheppert es auch mal ganz ordentlich, wenn ich auf Kollisionskurs mit irgendwelchem fliegenden Getier bin. Die Lust auf Stadtrundgänge oder ähnliches hielt sich die letzten beiden Tage doch eher in Grenzen, obwohl wir ja beide ganz gerne irgendwelche Kirchen besichtigen und dort Kerzen aufstellen, uns aber auch interessiert an der Vielfalt architektonischer Besonderheiten zeigen.
Seligenstadt war nach Kahl die nächst größere Stadt und mit ihren vielen Fachwerkhäusern, einem Brunnen auf dem Marktplatz und einem großen Benediktinerkloster ein wirklich sehenswerter Ort. Stefan aus Lorsbach hatte uns bereits einen kleinen geschichtlichen Einblick in den Verlauf des Limes, römische Kastelle und Vorposten sowie die Barbaren erzählt, vor denen der Limes schützen sollte. Und auch in Seligenstadt begegnete uns dieses Thema wieder auf informativen Tafeln über die Geschichte der Stadt und ihrer Entstehung. Der Garten des Klosters ist auf jeden Fall einen Besuch wert. Hier werden viele alte Sorten an Obstbäumen, Rosensorten und anderen Pflanzen gehegt und gepflegt, integriert in viele bienen- und schmetterlingsfreundliche Blühpflanzen.
Weiter ging es den Main entlang in Richtung Aschaffenburg. Erst wollten wir einfach nur weiter und, der Hitze geschuldet, mal keine aufgeheizten Häuserwände oder Plätze aufsuchen, aber dann hat der Anblick des Schlosses uns doch in seinen Bann gezogen und wir sind über eine Brücke direkt in der Altstadt gelandet. Was wir allerdings dringlichst brauchten war etwas Kühles zu trinken und ein süßes Leckerchen für mich. Direkt gegenüber einer großen Kirche, die Anja sofort als die erkannte, wo ihre ehemalige Arbeitskollegin Alexandra ihren Mann Manfred geheiratet hatte und sie als Gast eingeladen war, gab es eine Bäckerei, die unserer beider Wünsche sicherlich erfüllen konnte. Zwei kalte Flaschen Cola-Light sowie ein Obst- und ein Nussplunder landeten auf dem Tisch, begleitet von der Erkenntnis, wie unfreundlich so manche im Verkauf tätigen Beschäftigten doch sein bzw. auf Kunden wirken können. Da kommen sofort Gedanken an meine verstorbene Mutter auf, die als Filialleiterin und später Ausbildungsleiterin im Einzelhandel solche Mitarbeiter recht bestimmt ‚eingenordet‘ oder ‚auf den richtigen Weg‘ gebracht hätte – und das zu Recht. Egal, wir genossen das erfrischende Gefühl des kalten Getränkes und die wirklich leckeren Teilchen, bevor wir uns die Kirche von innen und einige Straßen der Altstadt von draußen ansahen und am Schloss landeten. Auch wirklich sehenswert, mit riesigen eisenbeschlagenen Holztoren und einem großen Innenhof. Da mag man sich gut vorstellen wie es zu früheren Zeiten hier wohl zugegangen ist und das nicht nur wohlgesonnene Leute vor diesen Toren standen. Und aktuell wird wieder ‚ausgegraben‘, denn man hat wohl irgendwelche noch weiter zurückreichende Funde auf dem Burggelände gemacht, die für die Nachwelt gesichert werden sollen, wodurch uns aber der Weg zum JETZT versperrt war. (Tja, den Satz muss man erstmal sacken lassen, ne?! 😏)
Genug geschwitzt und pausiert, es geht weiter und wir haben mal wieder das Problem einen passenden Campingplatz zu finden. Das Problem spitzt sich soweit zu, dass wir uns auch mit einem nicht so passenden Platz zufriedengeben hätten, eigentlich froh über jede Zusage eines Übernachtungsplatzes gewesen wären. Kurz und gut – wir haben unseren Tag in einem schönen und absolut ruhig gelegenen Hotel in Obernburg beendet, nachdem wir vorher noch sehr lecker bei einem gemütlichen ‚Italiener‘ gegessen hatten. Praktischerweise hatten die im Hotel einen großen Gepäckwagen zur nächtlichen Dauerausleihe und alles war in einem Rutsch auf dem großzügig geschnittenen Zimmer. Den Abend nutzen wir um mal wieder ein paar Wäscheteile zu waschen und ich habe noch die nach allen 500 bis 600 km fällige Revision der Sattelstütze erledigt. Die Nacht war erholsam und das morgendliche Frühstück unter freiem Himmel ausreichend und lecker. Die meisten Radler waren zu der Zeit schon weg, dadurch war es für uns sehr ruhig und entspannt – corona-technisch absolut unbedenklich.
Auf dem weiteren Weg in Richtung Wertheim sieht man so einige schöne Dörfer und alles ist, typisch bayrisch, rausgeputzt und aufgeräumt. Auf der Strecke trafen wir endlich mal ein Paar, welches genauso bepackt war wie wir. Jeder vier Packtaschen und zusätzlich einen Packsack hinten quer auf den Gepäckträger. UND – sie fuhren wie wir, den Radweg in ‚falscher‘ Richtung, also eher flussaufwärts. Ich konnte nicht anders, habe sie angesprochen und meiner Freude darüber Ausdruck gegeben, mal ‚Gleichgesinnte‘, sozusagen Seelenverwandte zu treffen. Schnell war aber klar – aus dem Rheinland kommen die nicht. ‚Wir haben aber keinen Motor‘ war das einzige was IHR entfuhr, ER hatte weder ein freundliches, noch ein müdes Lächeln für uns übrig. Ui – auf was für Spaßbremsen sind wir denn da getroffen?!? Im Ruhrpott nennt man solche Leute auch Schiffschaukelbremser und da gibt es nur eine Antwort drauf – Turbo einschalten und kurzfristig ‚Meter machen‘, den notwendigen Abstand zwischen sie und uns bringen, bevor uns noch jemand mit denen in Verbindung bringt. Also wenn die Spaß hatten, dann hätten sie das auch mal ihrem Gesicht erzählen sollen.
Clever wie wir waren, hatten wir an diesem Tag schon früh einen Campingplatz festgemacht, auf dem wir nächtigen wollten. So mussten es zwar fast 70 km Tagesetappe werden, aber wie gesagt – lieber mit tollen Eindrücken radeln (mittlerweile eingerahmt vom Odenwald zur rechten und dem Spessart zur linken Seite) als bei Windstille über das Wetter zu grübeln. Und was soll ich sagen, der Platz fürs Zelt liegt schattig unter Bäumen, das Wasser der Tauber ist schön kühl und wir fühlen uns wohl. Die nächsten drei Nächte sind gebucht und wir werden die Seele baumeln lassen. Wundert euch also nicht, wenn es weniger oder gar nichts zu lesen gibt die nächsten Tage – aber bleibt uns trotzdem gewogen und lasst euch von der Hitze nicht ärgern. 😏


Seligenstadt Marktplatz 
Die ‚Hochzeitskirche‘ 
Aschaffenburg aus Sicht der Hochzeitskirche 

Schloss Aschaffenburg 

Garten Schloss Aschaffenburg 
Also ich beneide euch nicht, bei mehr als 30°C zu radeln. Ich bin froh, dass bei mir in der Wohnung nur etwas mehr als 24°C sind und ich nicht raus kann. Aber trotzdem, schön eure Erlebnisse mitzuverfolgen. Weiterhin viel Spaß und immer Unfallfrei. LG 😘🐈
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Die Bäckereifachverkäufer sind bestimmt beim Wiedemann bei uns in die Lehre gegangen 😉
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