Am Rande der Legalität…

(Ju) Die Grillen zirpen, eine Heerschar von Fliegen und anderem Getier hat sich zwischen unserem Schlafzelt und dem Außenzelt verirrt und das Geschwirr hört sich an wie das sanfte prasseln von Regentropfen. Zudem raschelt es mal hier, krabbelt es mal dort und relativ nah am Zelt scheint irgendein Nager sich genüsslich über irgendwelche Gräser herzumachen. Hört sich fast so an wie schnell hintereinander Salzstangen aufzuknabbern. Etwas weiter weg hat eine Gruppe Jugendlicher wohl ein Treffen anberaumt – sie ‚chillen‘ wahrscheinlich, wie man das neudeutsch jetzt nennt, dies aber relativ lautstark. Wir haben uns heute einfach mal ganz unvorschriftsmäßig wild campend wieder in einen Weinberg gestellt. Na ja, wir wollten ja auch ein wenig Abenteurer sein und dazu gehört doch auch, mal was ‚völlig verwegen unerlaubtes‘ zu tun, oder? 😏

Unser Tag begann mit einem Frühstück auf dem Hotelzimmer, bei frischem Tee und Kaffee aus einer Nespresso-Maschine. Viel besser kann ein Tag nicht beginnen. Wir schafften es bis 11 Uhr aus dem Zimmer zu sein und zum x-ten Mal kämpfte Anja mit unserem Garmin-GPS-Navigationsgerät, auf das wir immer die vorher über Komoot geplanten Touren übertragen. In den letzten Tagen traten aber immer wieder extreme Probleme damit auf, Anja hätte das Teil glaube ich schon so manches Mal gerne irgendwo auf den Asphalt getackert. Das Internet sagt dazu, dass Garmin wohl einem Cyber-Angriff zum Opfer gefallen ist und erpresst wird, weshalb das gesamte System mehr oder weniger völlig offline ist. Also fahren wir heute aus der Stadt nur via Handy – leider sieht man bei der prallen Sonne und der dunklen Sonnenbrille fast gar nichts. Stopp und Go – immer mal vergewissern, der Weg passt ungefähr. Nur am Rande, weil ich mir so lebhaft vorstellen kann, was vor allem der älteren Generation der (Mit-)Leser durch den Kopf geht: Wir wissen um die Vorzüge von Kartenmaterial in Papierform bei GPS-, Internet- oder Stromausfall und könnten damit auch noch umgehen, aber das wird erst dann unsere letzte Anschaffung werden, wenn technisch nichts mehr machbar ist. Wäre doch auch gelacht, wo wir soviel Knete für den kleinen Schlaubi am Lenker ausgegeben haben. Außerdem sind wir ja zurzeit auf dem grundsätzlich gut ausgeschilderten Radweg „Deutsche Weinstraße“ unterwegs.

Wir fahren erstmal zurück nach Siebeldingen, um da wieder den Einstieg in die von Anja präferierte Route zu finden. Ganz komisch – meine ‚Reiseleiterin‘ fährt hinter mir her, mein Rad ist heute das schlaue, trägt das Navi am Lenker. Und tatsächlich ist es ein schöner Weg heraus aus der Stadt, viel am Bach entlang unter Bäumen, angenehm im Schatten. Ab Siebeldingen folgen wir den offiziellen Radwegen – zumindest so grob. Manchmal denke ich mir, was reitet die Leute einen Radweg genauso und nicht anders zu führen?! Du kommst durch jedes Kuhdorf, leider aber immer nur so halb, denn an den Kaffebuden, Kuchen- und Gebäckregalen oder sonstigen Leckerlis kurven die immer drumherum. Anfangs hatte ich ja Anja in Verdacht, sie ist ja (zum Glück und mit Recht) auch immer etwas auf unsere Figuren bedacht, aber seit ich auch selber plane ist mir bewusst – sie ist da völlig unschuldig. Dann führen die Wege von einem Dorf zum anderen natürlich nicht die Straße entlang (was ich ja grundsätzlich verstehe und gut finde), aber muß es immer in einem riesigen Bogen möglichst bergauf, dann aber gefühlt nur einen Bruchteil des mühsam erkletterten Terrains wieder bergab zum nächsten Dorf gehen, wo es dann wieder keinen Kaffee gibt?! Aber wir haben ja vorgesorgt, immer ein wenig zu essen dabei und so machten wir irgendwann Pause um Pfefferbeißer zu essen (das Brot ließen wir wegen der vielen Kohlenhydrate weg) und ’nen ordentlichen Schluck aus unseren Wasserflaschen zu nehmen. War ein richtig idyllisches und lauschiges Plätzchen mit wenig Publikumsverkehr, direkt auf den Bänken an der Kapelle des örtlichen Friedhofes. Manchmal muss man einfach auch ungewöhnliche Gelegenheiten wahrnehmen.

Über viele wirklich schöne, oft aber sehr verschlafen wirkende Örtchen ging es nach Neustadt an der Weinstrasse. Hier fand wieder Leben statt – reichlich und viel lauter als wir es von unseren letzten Stunden gewohnt waren. Wir schlenderten durch die verschiedenen Straßen der Fußgängerzone und blieben dann recht weit außerhalb in einer ganz kleinen Gasse an einem Café „Schwarzer Kater“ hängen. Kaffee mit Chili und Schokopulver für mich, für Anja Wasser mit Zitronen- und Minzsirup und einmal Pflaumenkuchen mit zweifach Werkzeug (erwähnte ich schon das Thema Kohlenhydrate?) – absolut zu empfehlen. Die Pausenzeit haben wir natürlich nicht einfach vertrödelt, sondern aktiv nach Übernachtungsmöglichkeiten gesucht. Die örtliche 1nitetent-Varinante sagte uns leider ab, da sie erst zu spät zu Hause sei. Zur Erinnerung: „1nitetent“ ist ja eine Internetseite, auf der Leute ihren Garten, ihre Obstplantage oder ähnliches für eine Übernachtung kostenfrei anbieten (liebe Grüße an der Stelle nochmal an Michael in Celle!). Leider sind diese Möglichkeiten auf unserem Weg per Rad leider doch nicht so vielfältig gesät, wie wir uns anfangs erhofft hatten.

Schnell war aber klar, das wird eine Nacht im Zelt – ohne Strom und sanitäre Anlagen. Wir sind daher erstmal zum Rad zurück, haben unseren Wasserkanister geholt und uns nach der nicht erfolgreichen Suche nach einem öffentlich zugänglichen Wasseranschluss, für die Variante ‚wir fragen einfach im Restaurant nach’ entschieden – und das sogar auf Anhieb mit Erfolg. Da hatten wir anderenorts doch schon weniger Entgegenkommen hinnehmen müssen. Egal – wir werden heute nicht verdursten und können uns morgens vernünftig waschen – wir haben dazugelernt. Und wir werden auch keine Probleme mit den Akkus bekommen, denn trotz der vielen Steigungen sind diese noch relativ gut gefüllt und sollten uns morgen bis nach Lambsheim, unserem nächsten Etappenziel, bringen. Ja, so ist das, denn wir versuchen jetzt immer möglichst viele Kilometer mit möglichst wenig maschineller Unterstützung zurückzulegen, was sicher von Tag zu Tag leichter fallen wird (so hoffen wir wenigstens).

P.S.: Mittlerweile ist es stockdunkel, die chilligen Jugendlichen haben sich beruhigt und man hört fast nichts mehr von ihnen. Dafür nehmen die tierischen Nahgeräusche rundum zu. Geht man jetzt noch zum Pullern vor‘s Zelt, oder kann das warten bis es hell wird? Das Vieh am Zelt macht mich kirre, was mag das wohl sein? Hört sich schon größer an – wie gut, das es keine ‚Problembären’ oder sonstige wilde Tiere oder hier in der Gegend gibt. Allerdings will auch niemand nachts auf ’nen kampfeslustigen Igel treffen, der sich einfach gestört fühlt. Egal – ich muss tapfer sein – bis morgen früh warten ist keine Option. Wir lesen uns hoffentlich noch… 😏

Veröffentlicht von radreiseanjajoerg

Wir sind ein nicht ganz ‚normales‘ Paar, welches aber doch viele Gemeinsamkeiten hat und eine Beziehung nicht als Selbstläufer bzw. Selbstverständlichkeit sieht.

6 Kommentare zu „Am Rande der Legalität…

  1. Hallo ihr beiden Biker,
    Als radelnder IT Fachmann kann ich Euch sagen, das Murphy nicht nur in der IT zuschlägt. So kommt der Wind immer von vorn, das Café liegt nie auf der Route und das Navi funktioniert nicht, wenn man es dringend braucht. Die Liste lässt sich unbegrenzt fortsetzen. Das Smartphone kann das Leben etwas einfacher machen. Nur kann es nicht den Wind abschalten.
    Ich freue mich von Euch zu lesen. Es zaubert mir ein lächeln ins Gesicht. Ich bin einer der stillen Begleiter. Habt viel Spaß und immer eine bandbreit Weg unter den Reifen.
    Viele Grüße von Iris und Thomas

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    1. Lieber radelnder „IT-Fachmann“, vielen Dank für die qualifizierten Hinweise und das Mutmachen! Es freut uns euch ein Lächeln ins Gesicht zaubern zu können aus der Ferne! Liebste Grüße an euch und die Heimat!

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  2. Ich möchte aber schon wissen, welches Tier da am Zelt war. War es sehr gefährlich? Aber angegriffen hat es euch nicht, da ihr ja bei euren Bekannten angekommen seid. Gute Weiterfahrt. 😘🐈

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  3. …wir wünschen den radelnden Vagabunden noch viel Spaß bei der Weiterfahrt und genug Profil auf den Reifen.
    Deborah und Stefan
    Ps. Schöne Grüße von Onkel Wolfgang

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